Embera
Gereistes | Welt

Bei den Emberá in Panama

23. April 2022

Wie Ihr wisst, war ich mit Sina und Jan von LichterderWelt und ein paar Mitreisenden auf Rundreise durch Panama. Im Verlauf unserer wirklich sehr inspirierenden Reise haben wir einen Tag lang die Emberá am Rio Chagres besucht. Die Emberá in Panama sind eins der sieben dort lebenden indigenen Völker. Sie leben noch immer traditionell im Urwald und haben sich in homöopathischen Dosen dem Tourismus geöffnet.

Am Rio Chagres werden wir in Einbaum-Booten abgeholt. Hinten ein Mann, der für den Schub sorgte und vorne ein „Steuermann“, ausgerüstet mit einem langen Holzstab. Schon kurz nach der Abfahrt wussten wir, welch schwere und wichtige Aufgabe er hat. Der Fluss führte sehr wenig Wasser und hatte erstaunlich viel Strömung. Der junge Mann am Bug hatte mit seinem Holzstab gut zu tun, das Boot in der Fahrrinne zu halten. Jederzeit hätten wir auf eine Kiesbank auflaufen oder gegen eine der Uferwände prallen können. Wir mussten uns keine Sorgen machen. Die beiden Männer hatten alles fest im Griff. Und sahen dabei auch noch gut aus 😀 Wir Mädels in der Gruppe wurden ab und an dann doch von der wundervollen Umgebung abgelenkt.

Rio Chagres
Rio Chagres

Nach ca. 20 oder 30 Minuten durch kristallklares Wasser und dichten Dschungel erreichten wir das Dorf. Es war das letzte in einer Reihe, die alle relativ weit auseinander lagen. Man erzählte uns, dass die ersten beiden Dörfer stärker frequentiert werden, da die meisten Touristen eine kurze Anfahrt bevorzugen. Verstehe ich nicht. Die Bootsfahrt war so wundervoll. Ich hätte noch Stunden über den Fluss fahren können. Aber mir sollte es Recht sein. So waren wir fast die Einzigen, die das Dorf besucht haben. Lediglich eine Gruppe Amerikaner kam später noch an, die sich aber aus dem Versammlungshaus maximal bis zum Toilettenhäuschen entfernt haben. Schön. So konnten wir das Dorf in Ruhe erkunden, mit Händen und Füßen mit den Bewohnern kommunizieren und einfach alles genießen.

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So traditionell die Emberá dort auch leben, sie haben einige Anpassungen vorgenommen. Zum Beispiel haben sie zu Beginn der Pandemie einen Generator und ein Dorfhandy angeschafft. In Panama waren die Schulen durch die Pandemie für zwei Jahre komplett geschlossen. Ich erwähnte ja schon in dem Bericht aus Panama City, dass in unserer Ankunftswoche zum ersten Mal die Schulen wieder öffneten. Da musste natürlich auch für die Kinder der Emberá eine Lösung gefunden werden. So kam das Dorfhandy ins Spiel, um die Kinder per Online-Unterricht weiter lernen lassen zu können.

Ihr fragt euch, warum die Kinder zur Schule müssen, wenn sie doch im Urwald und von dem leben, was sie anbauen und fangen? Die Emberá wissen, dass Bildung der Schlüssel ist. Sie halten niemandem im Dorf fest. Jeder hat die Chance, seinen Weg zu gehen. Und dafür braucht man unter anderem Spanisch (die Emberá haben eine eigene Sprache) und eben auch weiterführende Bildung. Wir haben mit Sandra gesprochen, die in Panama City Touristik studiert hat. Und ins Dorf zurückgekehrt ist. Ihre Geschichte ist keine Ausnahme. Viele Emberá kehren zurück, auch in den anderen Dörfern, und nutzen ihr Wissen für die Gemeinschaft.

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Auch in anderen Bereichen haben sie sich ein wenig angepasst. Sie erzählen uns, dass einige Besucher sich „irritiert“ fühlten, dass die Frauen „oben ohne“ rumliefen. Traditionell sind die Emberá nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Nun tragen die Frauen eine Art Bustier aus Perlen und mit Münzen aus aller Welt verziert. Ich finde es passt sehr gut zu der restlichen Kleidung.

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Aber auch aus eigenem Antrieb wurde ein wenig im Dorf verändert. Einige der Häuser, die in dem für uns zugänglichen Bereich stehen, haben Wände. Ein Zugeständnis an ein wenig mehr Privatsphäre der Bewohner. Die Häuser in dem Bereich, den wir nicht betreten dürfen, haben keine Wände. Die öffentlichen Gebäude (Küche, Gemeinschaftshaus) auch nicht. Das Toilettenhäuschen ist eine Ausnahme. Das hat auch Wände 😉 Und sogar richtige WCs mit Spülung und so. Wenn ich mich recht erinnere, hat vor einigen Jahren ein Deutscher (oder ein Deutsches Unternehmen) dieses Häuschen dort eingerichtet. Ich habe das Kanalisationssystem nicht hinterfragt. Hätte ich mal. Jetzt bin ich neugierig. Aber vor Ort war ich einfach von den vielen Eindrücken zu erschlagen.

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Direkt bei Ankunft wurden wir von einigen Bewohnern am Ufer mit Gesang und Tanz begrüßt. Ein paar Frauen waren dabei, die gefangenen Fische für unser Mittagsmahl vorzubereiten. Andere Bewohner saßen im Schatten und unterhielten sich. Der Dorfälteste und Medizinmann war fleißig dabei, Rinde zu bearbeiten, aus der später Kleidung und andere Sachen gefertigt werden. Alles unter den wachsamen Augen seiner Frau. Wieder andere haben gebadet. Wir hatten also schon in den ersten Minuten so viele Eindrücke, dass wir eine Weile brauchten, bis wir den Weg hoch ins Dorf gehen konnten.

Einer der Söhne des Dorfgründers nahm uns im Küchenhaus in Empfang und versorgte uns mit reichlich Informationen über die Entstehung des Dorfes und dem Leben, dass sie dort führen. Er erzählte uns, dass seine Eltern in den 70er Jahren vom Osten des Landes aus dem Dschungel Richtung Panama City aufbrachen. Natürlich nur mit Lendenschurz bekleidet. In Panama City wurde seine Mutter krank. Sie kam nicht damit zurecht, „normale“ Kleidung und Schuhe tragen zu müssen. Der Lärm war zu viel und die Normen, nach denen wir „normalen“ Menschen leben, konnte sie nicht verstehen. Ihr fehlte die Natur und vor allem der vernünftige Umgang damit. Sie lernten einen anderen Emberá kennen, der weiter im Westen, am Rio Chagres lebte. Sie sind mit ihm gegangen und haben letztendlich an der Stelle, an der wir nun standen, das Dorf gegründet. Ich stelle nicht in Frage, ob die Geschichte wahr ist. Sie ist einfach zu schön.

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der Mann rechts ist der Chef

Im Dorf gibt es einen Chef, der gewählt wurde. Ebenso eine Verwalterin des Dorfvermögens. In beiden Fällen spielt es für die Bewohner keine Rolle, ob ein Mann oder eine Frau gewählt wird. Einen Frisör gibt es auch. Uns ist aufgefallen, dass die Männer sehr ordentliche Haarschnitte haben und alle aussehen, als kämen sie frisch vom Frisör. Wir fragten in unserer grenzenlosen Unwissenheit, wie das möglich ist ohne Strom und Rasierer. Die Antwort war einfach und von einem Lächeln begleitet. Es wird ein Kamm und eine Klinge (oder war es ein scharfes Messer?) benutzt. Hätte man drauf kommen können. Wir sind einfach viel zu verwöhnt.

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Der Frisör und Bemaler mit seiner Tochter

Während wir den wohl frischsten Fisch aller Zeiten gegessen haben, wurden die Kinder per Boot von der Schule abgeholt. Vom Chef persönlich. Er sagte, er müsse sich beeilen, denn durch unsere Ablenkung war er bereits eine halbe Stunde zu spät dran. Er wirkte allerdings in keiner Hinsicht hektisch, nervös oder bewegte sich schneller als vorher. Typisch deutsch formte sich in meinem Kopf direkt der Gedanke, ob die Kinder nicht langsam ungeduldig wurden oder die Eltern nervös. Ich wurde wieder belächelt. Zeit hat hier eine andere Bedeutung. Jeder hat Zeit für ein Schwätzchen, um mit den Kindern zu spielen oder ein wenig zu Baden… Mir schien, als gäbe es nichts, was sofort erledigt werden muss. Ein wenig neidisch bin ich auf die Ruhe und Zufriedenheit, die diese Menschen ausstrahlen.

Der Frisör ist auch gleichzeitig der erste Bemaler. Die Emberá bemalen ihre Körper mit Saft aus der Jagua-Frucht zum Schutz gegen Sonne und Mücken und als Schmuck und Tradition. Besonders auffällig waren für mich die Gesichtsbemalungen der Frauen. An manchen Körperteilen waren die Bemalungen intensiver, teilweise komplett schwarz. Natürlich haben wir gern das Angebot angenommen, uns auch bemalen zu lassen. Ich habe meinem Bemaler freie Hand gelassen. Er hat es wunderbar gemacht. Ich muss mal Sina fragen, ob sie ein Bild davon hat. Diese Bemalung hält ungefähr eine Woche. Dann verblasst sie leider schon wieder. Allerdings konnten wir feststellen, dass sie als Sonnenschutz unglaublich gut funktioniert. Auf unseren bis dahin gebräunten Armen und Beinen konnten wir die Motive später als weißes Muster bewundern 🙂

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Nachmittags wurden dann sowohl für uns als auch für die amerikanische Reisegruppe einige der traditionellen Tänze aufgeführt. Auf dem großen Platz sammelten sich Männer mit Instrumenten aus Holz, Schildkrötenpanzern und anderen natürlichen Materialien, Frauen und Kinder zum Tanz. Zuerst wurden uns drei Tänze mit Namen vorgeführt. Leider habe ich die Namen vergessen. Ich erinnere mich, sie waren sehr klangvoll. Und auch die Tänze selbst waren absolut beeindruckend. Die Frauen haben gesungen und getanzt, die Männer ihre Instrumente gespielt.

Tanzveranstaltung

Im Anschluss gab es noch ein paar Tänze, an denen wir Touristen teilnehmen durften. Auch (fast) alle anderen Dorfbewohner, egal welchen Alters, haben die Tanzfläche gestürmt.

Tanzveranstaltung
Er ist offensichtlich kein Fan

Am späten Nachmittag mussten wir uns dann leider verabschieden. Ein toller Tag ging Zuende und die Boote haben uns wieder über den Fluss zurück zu unserem Minibus gebracht. Ein letztes Winken, ein letztes Mal die Hände ins Wasser gehalten und schon war der Zauber vorbei. Zurück in der Zivilisation fühlte ich mich zuerst ziemlich erschlagen. Die Eindrücke und Erfahrungen aus dem Dorf der Emberá haben mich berührt. Nachhaltig.

Auch jetzt, einige Wochen nach meiner Rückkehr, denke ich noch immer viel darüber nach, neide ihnen ein wenig die Zufrieden- und Gelassenheit. Bin ich aber ehrlich mit mir selbst, wäre ich nicht bereit, den Teil meines dagegen wie Luxus anmutenden Lebens aufzugeben, der mir solche Reisen ermöglicht. Ich bin jedoch sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte und mein Denken sich mal gründlich hinterfragt. Ab hier würde es philosophisch werden, also lasse ich das. Ich hoffe einfach, dass ich euch ein Stück mitnehmen konnte in diese völlig andere Welt.

Wer auch den Rest meiner Reise verfolgen möchte, schaut einfach mal hier für Panama City und die Pazifikküste, hier für die Nebelwälder und hier für die Karibikküste. Viel Spaß 🙂

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